Wolfgang Danninger | 11.6.2021


Eine Phantasiereise in die Vergangenheit verwandelt die Bauwerke von heute in Palmen. Der Nebel wird zum weiten Meer. Im Hintergrund steigen die Vorläufer der Alpen hoch empor ... (Foto: Ruhland)
Eine Phantasiereise in die Vergangenheit verwandelt die Bauwerke von heute in Palmen. Der Nebel wird zum weiten Meer. Im Hintergrund steigen die Vorläufer der Alpen hoch empor ... (Foto: Ruhland)

Als der Sauwald noch am Meer lag ...

Man könnte wie in einem Märchen beginnen. Es war einmal vor langer, langer Zeit, als ein großes Meer von Afrika bis zum Böhmischen Massiv gereicht hat. Es waren Millionen von Jahren, ein Zeitraum, der nach menschlichem Maßstab kaum vorstellbar ist.  Dieses Meer bekam von den  heutigen Wissenschaftlern einen Namen: die Tethys.


Kontinentaldrift & Tethys

Vor 18 Mio. Jahren lag der Sauwald noch an diesem Meer. Man kann es sich recht gut vorstellen, wenn man heute an einem klaren Herbsttag auf den Höhen des Sauwaldes steht und über das Nebelmeer bis zu den Alpen schaut. 

Paratethys (Karte: danubebox.org)
Paratethys (Karte: danubebox.org)

Durch die Kontinentaldrift wurde Afrika nach Norden geschoben und dieses Meer wurde immer kleiner. Mitten in diesem Meer erhoben sich im Lauf der Zeit die Alpen. Diese wurden mehrere Tausend Meter angehoben und so findet man heute sogar auf den höchsten Gipfeln der Alpen Meeresmuscheln und Korallenriffe.

Durch das Aufschieben der Alpen teilte sich dieses Meer und nördlich der Alpen entstand ein langgezogener Meeresarm, die Paratethys. Diese reichte vom heutigen Rhonebecken in Südfrankreich über Bayern bis weit nach Osten. Aber auch dieser Meeresarm wurde, da Afrika immer weiter nach Norden geschoben wurde, schmäler und verlandete von Westen nach Osten.

Der letzte Rest dieser Paratethys ist heute das Schwarze Meer. 


Meeresablagerungen - Zeugnisse vergangenen Lebens

Es finden sich als Beweise aus dieser Zeit Meeresablagerungen in den Sandgruben von  Diersbach und Enzenkirchen bis hinab in den Linzer und Perger Raum. Das waren die einstigen Strände, dahinter ragte der Sauwald hoch über das Meer hinaus. Die Berge waren höher als die der Alpen.

Die Sande in den Sandgruben sind recht unterschiedlich wie beispielsweise die Mehlsande in Enzenkirchen. Sie zeugen von einer starken Brandung, die alles wie Mehl zermahlen hat. Hier findet man kaum Fossilien, denn diese wurden aufgerieben.

Aber es gab auch ruhigere Buchten wie in Mitterndorf oder Rainbach, vor allem in deren Grobsanden kann man Meeresfossilien finden, da die Brandung die Muschel- und Schneckenschalen nicht zerstört hat.

 

Es war eine reichhaltige Tierwelt in einem viel wärmeren Klima als heute. Man könnte es mit den Stränden am Roten Meer vergleichen. Und die Nachkommen der Tiere von damals leben heute durchwegs in warmen Gewässern wie dem Roten Meer.

An den Ufern wuchsen Palmen. Ein Paradies, aber Menschen gab es damals noch lange nicht. Müsste man einen Reisekatalog machen würde die dalmatinischen Küste mit den wilden Felsenküste recht ähnlich aussehen, nur eben wärmer.


Ottnangien - Zeitalter der Fossilien vom Fuß des Sauwaldes

Leider ist durch die Gneise des Sauwaldes dieser ehemalige Strand sehr sauer und es wurden die meisten Reste dieser Lebewesen aufgelöst.

Nur PilgermuschelnAustern, einige Schnecken und Haizähne sind wegen ihrer robusten Schalen erhalten geblieben. Diese finden sich sogar oft massenhaft, - vor allem Pilgermuscheln, die bei Stürmen an den Strand gespült wurden. Auch Zähne von kleineren Haien werden oft gefunden.

V.l.:
Kamm- oder Pilgermuscheln (Flexopecten davidii), Auster (Ostrea digitalina), Schnecke (Cirsostrema mioravica)
Fotos (W. Danninger)

Steinkern einer Schnecke und einer Venusmuschel "Dosinia" (Fotos: W. Danninger)
Steinkern einer Schnecke und einer Venusmuschel "Dosinia" (Fotos: W. Danninger)

Schnecken jedoch sind relativ selten zu finden, da bei den meisten Arten die Schale aus einem wenig widerstandsfähigem Kalk aufgebaut ist.

Zu finden sind aber Steinkerne, das sind die durch Sedimente gefüllte Innenräume der Schnecken, die versteinerten und so erhalten blieben, auch wenn die Schale aufgelöst wurde. 

Kiefer (Foto links: phys.org) und Megalodon-Zahnfossil (Foto rechts: univie.ac.at)
Kiefer (Foto links: phys.org) und Megalodon-Zahnfossil (Foto rechts: univie.ac.at)

Haien wachsen die Zähne immer wieder nach und so können diese im Lauf ihres Lebens an die Tausend Zähne bekommen. Durch die unterschiedliche Zahnformen kann man die einzelnen Arten gut unterscheiden. Es gab kleine Arten mit Zähnen im Millimeterbereich bis zum Riesenhai Megalodon: Dieser größte Hai, den es je gab, war größer als der heutige weiße Hai. Er hatte ein so großes Maul, dass er eine Kuh im Ganzen verschlingen hätte können, aber Kühe gab es damals noch nicht. Eine wichtige Beute der Riesenhaie waren Seekühe, von denen man gar nicht so selten Rippen finden kann, an denen manchmal noch die Bissspuren des Megalodons erkennbar sind. 

Die Masse der Haizähne stammen von den Sand- und Hundshaien, die vorwiegend Fische jagten. 

Das Zeitalter, aus dem die Fossilien am Fuß des Sauwaldes stammen, war vor 18 Mio. Jahren und wurde nach dem Ort Ottnang am Hausruck benannt: Ottnangien oder Ottnangium.

Dieser Name wurde deshalb gewählt, da in Ottnang erstmals zahlreiche Fossilien aus dieser Zeit wissenschaftlich bestimmt wurden. In Ottnangien finden sich Reste von Lebewesen aus dem Meeresboden, am Rande des Sauwaldes war aber eine Felsenküste mit anderen Meeresbewohnern, daher wurden hier viele neue Arten entdeckt und beschrieben, die man bisher nicht aus dem Ottnangien oder gar nicht kannte.


Einblicke in die Welt der Fossilien am Fuße des Sauwaldes

Das Geologische Kabinett im Kulturhaus gibt einen kleinen Einblick in die reichhaltige Fauna dieser Zeit. Die ausgestellten Fossilien (Tethys-Felsenküste, Seepocke, Pilgermuschel, Haifischzähne) - aus der Sammlung von Wolfgang Danninger.

 

Eine interessante Homepage für Interessierte:

Wer einen näheren Einblick in die Welt der Fossilien am Fuß des Sauwaldes haben möchte, findet einiges unter: https://laurinsgarten.jimdofree.com/fossilien-des-ottnangien/ 


Muschel Astarte danningeri (Foto: W. Danninger)
Muschel Astarte danningeri (Foto: W. Danninger)

Die Neufunde sind im Naturhistorischen Museum (NHM) in Wien deponiert. Alleine bei den 32 gefundenen Schneckenarten sind 60 % Neufunde bzw. bisher aus dem Ottnangium nicht bekannt.

 

Die Masse der Haizähne stammen von den Sand- und Hundshaien, die vorwiegend Fische jagten. Anschaulich dafür sind die Muschel "Astarte danningeri" - für Spezialisten sind auch die Schnecken "Cellana danningeri" oder die Rankenfußkrebse Cirripede ("Scillaelepas danningeri") von Bedeutung.

 

 

Eine aktuelle und erstmalige Zusammenstellung der Fachliteratur:

Vertiefende Literaturhinweise zur Fauna des Otnangiums am Rand des Sauwaldes:

MUSCHELN: Bivalves from the Innviertel Group of Allerding in the North Alpine Foreland Basin (lower Miocene, Upper Austria), 2019 Wien: Oleg Mandic NHM Wien. Simon Schneider Oxford, Mathias Harzhauser NHM Wien, Wolfgang Danninger Kopfing.

SCHNECKEN: Gastropods of an Ottnangian (Early Miocene) rocky shore in des North Alpine Foreland Basin (Allerding, Austria), 2014 Wien, Mathias Harzhauser, Oleg Mandic, Andreas Kroh NHM Wien, Bernhard Landau Leiden Holland, Patrick Grunert Uni Graz, Simon Schneider Oxford, Wolfgang Danninger Kopfing.

KREBSE: Decapod Crustacea of the Central Paratethyan stage Ottnangian (middle Burdigalian), 2014 Bratislava, Matúš Hyžny Uni Bratislava, Mathias Harzhauser NHM Wien, Wolfgang Danninger Kopfing.

SEEPOCKEN: Sessile barnacles of an Ottnangian (Early Miocene) rocky shore in the North Alpine Foreland Basin (Allerding, Mitterndorf, Austria) attached to hard substrate and additional cirripedes fauna. Cariol und Schneider 2016 Paris.