Ruhland | aktualisiert: 15.12.2018


Not und Hunger

Schon die Jahre vor und nach 1900 waren Notzeiten. Während des 1. Weltkrieges kam zu Hunger und Not auch der Tod: Die Namen von 66 Gefallenen mussten 1924 auf dem neu eröffneten Kriegerdenkmal in Kopfing vermerkt werden. Und die Zeiten wurden in den 1920er-Jahren nicht besser...

Das Häusl des Taubn-Hansl (Glatzing) während des 1. Weltkriegs
Das Häusl des Taubn-Hansl (Glatzing) während des 1. Weltkriegs

Um Kopfing und Aegidi uma,

schrein d' Vögel laut vor Not und Hungá …

1879 beschreibt Norbert Hanrieder, wie "sei Bua" vom Mühlviertel aus über die Donau und Engelhartszell den Innkreis erkundet; sechs Jahre vorher war es nach dem Wiener Börsenkrach ("Schwarzer Freitag") zu einer Wirtschaftsdepression gekommen.

 

Dár Adam schickt sein Buam übá d' Doaná

...

Wannst übá d' Doaná fahrst und kimmst in Innkreis an

und gehst wiar i vo dort ön Lándel zua:

Vágiß dein Hoamat nöt, du hättst just d' Schand dávan,

und übádäumeln derfst di áh nöt lassen, Bua!

...

Krátscht auffi übá d' Leitn, so gehst Aegydi zua:

"Um Kopfing und Aegydi uma", hoaßt dá Reim,

"schrein d' Vögel laut vor Not und Hungá". Hüat di, Bua,

und sing eahrn ja nöt vür, sunst gehst eahr aufn Leim!

 

Ehwenst áf Kopfing kimmst, "wo lautá Habern wachst",

schau genauer in Aegydi um: "Dort wachst dá Tüll!"

So geht dá Spruh; drum mach, daß d' weidá dani trachst:

"In Roanbach wachsts nu mittár", "in Taufkirá viel."

 

Anmerkungen:

übádäumeln = übervorteilen, über den Daumen drehen

eahrn = ihnen, ihn (> den Reim)

Tüll = Hedar, Ackerrettich (> Unkraut)

Aus: Norbert Hanrieder, Mundartliche Dichtungen, 1879 - aus dem Nachlass herausgegeben:

Ried 1935. (Auszugsweise Wiedergabe der Strophen, die Kopfing betreffen.)


Filtert man die Berichte aus Kopfing in den Zeitungen um 1900 nach Not und Hunger, so fallen einem Berichte über Wilddiebstähle auf, Warnungen vor Auswanderung nach den Vereinigten Staaten, - jedoch haben die meisten Berichte Zwangsversteigerungen von Häusern und Höfen, und sogenannte "Güterzertrümmerer" und "Güterspekulanten" zum Inhalt.

Kopfing Nr. 11 war das Gemeindehaus, früher ein Armenhaus und ein Edelsitz (Mair in Götzendorf).

Matthias Probst verkaufte sein Anwesen 1902 samt Nutzgrund und Wald einem bekannten Güterzertrümmerer. In Kopfing gelangten einige Bauerngüter durch Notverkäufe oder im Zuge von Versteigerungen in die Hände dieser Spekulanten.

Mit "Güterzertrümmerung" war die Filetierung des Besitzes gemeint; der Erlös aus dem Verkauf einzelner Grundstücke und des Hauses überstieg die Kaufsumme beträchtlich …

1908 gibt es in Kopfing wieder einige Käufe von Bauernhöfen durch Spekulanten - als "Güterschlächterei" überschreiben das jetzt die Zeitungsberichte. Wenn Wald und Grund verkauft sind, bleibt ein schöner Gewinn - und das Häusl mit ein paar Joch Grund ...

Das Muster hat sich nicht verändert - bis heute nicht: Es sind jetzt keine Spekulanten, sondern "Sanierer" und "Hedgefonds", die sich Firmen vornehmen und filetiert weiter veräußern.


Der 1. Weltkrieg ließ die Menschen auch im Hinterland leiden. Nach anfänglicher Euphorie führten Kampagnen wie "Gold gab ich für Eisen" noch zum Tausch vieler Eheringe; 1917 war nicht mehr viel da, was noch getauscht hätte werden können: Kupferdächer, bronzene Kirchenglocken, zinnerne Orgelpfeifen, das Messing der Kerzenleuchter und Türschnallen...

 

Bericht des Pfarramtes Kopfing (1917): Hohe Anzahl von Eingerückten, 66 Gefallene vermerkt das Kriegerdenkmal ...
Bericht des Pfarramtes Kopfing (1917): Hohe Anzahl von Eingerückten, 66 Gefallene vermerkt das Kriegerdenkmal ...

Linzer Volksblatt (22.1.1916)



Von vorneherein war es nicht gelungen, die Ernährung sicherzustellen. Gegen den Hunger waren schon 1915 Brot- und Mehrlkarten eingeführt worden, 1916 folgten die Zucker- und Fettkarten. Auch Kartoffeln und Most wurden staatlich bewirtschaftet und fleischlose Tage eingeführt...

Es kam zu den unten gezeigten Vorfällen:

In den letzten Kriegs- und den ersten Friedensjahren schreiben die Zeitungen über Preistreiberei, Schleichhandel, Hamstern und viele Diebstähle.

Dazu macht von Juli bis Oktober 1918 die letzten Kriegsjahre ein Räudebefall in Kopfing (und in vielen Gemeinden des Bezirkes) das Leben schwer.

Ein Inserat, eine Kundmachung der Gemeinde Kopfing, fällt ins Auge: Im Sommer 1919 sind keine Sommerurlaube in Kopfing möglich! Es fehlt an Lebensmitteln …

Die Not nach dem Krieg war groß. Und sie sollte kein schnelles Ende nehmen, sondern ein schlimmes: Nationalsozialismus und 2. Weltkrieg standen vor der Tür.

In den letzten Kriegs- und den ersten Friedensjahren schreiben die Zeitungen über Preistreiberei, Schleichhandel, Hamstern und viele Diebstähle, darunter zunehmend auch Wilddiebstähle.

Dazu macht von Juli bis Oktober 1918 die letzten Kriegsjahre ein Räudebefall in Kopfing (und in vielen Gemeinden des Bezirkes) das Leben schwer.

Ein Inserat, eine Kundmachung der Gemeinde Kopfing, fällt ins Auge: Im Sommer 1919 sind keine Sommerurlaube in Kopfing möglich! Es fehlt an Lebensmitteln …

 

Die Not nach dem Krieg war groß. Den vielen "Kriegsbeschädigten" nahmen sich zur Unterstützung gegründete Vereine an:

In Kopfing fand die Gründung des Kriegsopferverbandes am 3. 1. 1926 statt: Kriegsopfer wie die Witwen von Gefallenen sollten unterstützt werden.


 

Die Notzeiten sollten kein schnelles Ende nehmen, sondern ein schlimmes: Die Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre ließ die schon hohe Zahl der Arbeitslosen noch weiter ansteigen und bereitete den Boden für den Nationalsozialismus - der 2. Weltkrieg stand vor der Tür.

 Schleichhandel mit Holz    Wilddiebstahl    Salzschmuggel