Ruhland | 2018, aktualisiert: 22.6.2022


Klein-Tirol in Kopfing?     Die Pest auch?

Annäherungen an ein Klein-Tirol ...

Die mündliche Überlieferung von einem in der Pestzeit ausgestorbenen Kopfing, das in der Folge durch neu zugewanderte Tiroler / Südtiroler besiedelt und deswegen den Namen Klein-Tirol bekommen hat, kennt fast jeder. 

Auch die Tiroler Tracht der Kopfinger Trachtenmusikkapelle samt Tiroler-Hut erinnert an diese alte Überlieferung. 

Was fehlt, das sind Belege als Nachweise für die erhöhte Zahl der Sterbefälle im Sterbebuch sowie Hinweise auf die historische Besiedlung durch Südtiroler. Die Kopfinger Tauf-, Hochzeits- und Sterbebücher in den Matriken der Pfarre geben keine Hinweise auf Pesttote wie auf Familiennamen aus Tiroler / Südtiroler Herkunftsorten der neu zugewanderten Tiroler in Kopfing...


 Befragte Heimatforscher sind heute noch fest vom Tiroler Ursprung Kopfings überzeugt.

"Königsedt ist ja damals während der Pestzeit ausgestorben. Meine Verwandten kommen von da her." Nachfragen bezüglich Belege werden sind schnell vom Tisch: "Jeder weiß, dass Königsedt und vielleicht ganz Kopfing von den Tirolern wieder besiedelt wurde."

(Heimatkundlicher Sammler aus einer Nachbargemeinde, 19.11.2018).


Handfeste Belege für die Herkunft der Bezeichnung "Klein-Tirol" liefern für mich LANDSCHAFTSBESCHREIBUNGEN, die zwischen 1870 und 1930 verfasst wurden.

 

Nicht nur Kopfing wurde als "Klein-Tirol" bezeichnet.

  • Der obige Hinweis auf ein Klein-Tirol (steile Felsenberge an der Aschach bei Waizenkirchen) stammt aus einer Reisebeschreibung (Reichspost, 4. 8.1923). 
  • Das Linzer Volksblatt (6.5.1927) meint, dass für diese Landschaft an der Aschach "der stolze Titel Klein-Tirol" sicherlich keine Übertreibung darstellt. 
  • Ähnlich beschreibt die Österreichische Illustrierte Zeitung (14.4.1929) "Szenerien aus Klein-Tirol inmitten des trauten Landls" ...
  • Klein-Tirol in Südfrankreich findet die Neue Freie Presse (25.7.1873): "Capellen, Kreuzwege, Standbilder wo man geht und steht; man wäre fast versucht, das südliche Frankreich "Klein-Tirol" zu nennen."
  • Der Ort Wildemann (Niedersachsen) bezeichnet sich wegen seiner Hanglage von 420-620 m Seehöhe als "Klein-Tirol Oberharz".
  • Auch Clausthal-Zellerfeld (Niedersachsen) nennt sich wegen der Aussicht von den Höhen (390-821 m) "Klein-Tirol im Oberharz".
  • Dittmannsdorf wirbt wegen seiner Wanderwege mit "Klein-Tirol im Erzgebirge".
  • In Südwestfalen findet sich ein "Klein-Tirol im Siegerland".
  • In den Niederungen Schleswig-Holsteins (6 m ü.d.M.) kann man bei Schneefall rodeln : Jedes Kind dort kennt "Klein-Tirol in Kellinghusen".
  • Mit Googles Hilfe finden sich weitere "Klein-Tirol's": Nicht nur Hotels u. Gasthöfe in und um Tirol, sondern auch weiter weg: "Klein Tirol Amsterdam" wirbt mit "The best schnitzels in town" ...
  • Und in Sachsen ist "Klein-Tirol" endgültig Geschichte: In Glashütte wurde das Ausflugslokal in Oberschlottwitz abgerissen...

Die Wanderung in's kleine Tirol eines Taufkirchners (s. unten: Tagebuch in der Tages-Post, 12.6.1878) ist nun 150 Jahre her und erinnert mich an meine erste Fahrt in den 1950er-Jahren nach Kopfing: eine steile und staubige Schotterstraße mit enge Kurven, eine bewaldete Schlucht in ein tief liegendes Bachtal mit tosendem, über bemooste Steine stürzendem Wasser - und plötzlich heraus aus dem dunklen Wald, und der Blick war frei auf das Pfarrdorf Kopfing: der wunderschöner Ort am Südabhang des Sauwaldes zeigte sich...

 

Klein-Tirol vulgo Kopfing (Tages-Post 12.6.1878)

Der Anblick Kopfings war wohl auch für den Taufkirchner Tagebuchschreiber  ähnlich, das Foto unten (vor 1900) zeigt rechts neben der Kirche das erwähnte neu erbaute Schulhaus und die alte Straße nach Rasdorf; links neben dem Kirchturm ist das (heutige) Kulturhaus zu sehen, zwischen Kirche und Schule (heute Gemeindeamt) stand 1878 der auf dem Foto gut sichtbare Komplex der Weishäupl-Wirtschaft noch nicht ...


Erklärversuche für "Klein-Tirol"

Die gefundenen Zeitungsberichte (1870 -1973) versuchen bis auf eine Ausnahme die Landschaft des Sauwaldes mit jener Tirols zu vergleichen: Klein-Tirol = nur fast so mächtig sind unsere Berge im Vergleich zu jenen Tirols.
Kein Bericht schreibt von einer Tiroler Wiederbesiedlung eines nach der Pest ausgestorbenen Kopfings.
Nur der Erklärversuch links (Tages-Post, 12.6.1878) verzichtet auf den Bezug zur Landschaft und führt mit dem Hinweis auf das "Buamfanga" historische Parallelen an, um die Herkunft des Namens "Klein-Tirol" zu erklären.

Kopfing  in den 1920er-Jahren
Kopfing in den 1920er-Jahren

Illustration: Fini Schmidseder
Illustration: Fini Schmidseder

Afn Sockel steht a Jahrzahl

zoagt uns d'Bauernkriegszeit an, 

aber gnennt wird s' netta "Pestsäuln",

seit ma sih erinnern kann.

(Franziska Körner: Stumme Zeugen der Vergangenheit, o.J.)

 

Wann nun war die Pest in Kopfing?
Vielleicht doch 1627 während der Bauernkriegszeit und des 30-jährigen Krieges (1618-1648)?
Sicher ist, zuletzt fürchteten sich die Menschen beiderseits des Inn 1713-1715 vor dieser Geisel, die zuletzt aus Ungarn eingeschleppt worden war.
Linz wie auch das untere Innviertel scheinen glimpflich davon gekommen zu sein. (Vgl. Krims im Bundschuh, 2017 u.2018) 

In Kopfing keine Pestfälle. Hier regiert die gesunde Luft!
Mit dieser Aussage wehrte sich der hiesige Pfarrvikar Michael Seitenpacher im Jahr 1713 gegen Vorwürfe, sich nicht an die Pestverordnung (1585 war eine für das damals bayerische Innviertel erlassen worden) zu halten. (Krims im Bundschuh 2017, S. 47).

Seit 1347 hatte die Pest Europa für vier Jahrhunderte immer wieder in Angst und Schrecken versetzt (vgl. Sandgruber, OÖN vom 20.7.2013).
Während der Pestepidemie von 1679 dürften dürften in Wien bis zu 10.000 Menschen verstorben sein, der "liebe Augustin" kam davon. Der letzte Ausbruch 1713 forderte in Wien noch einmal  bis zu 7.000 Menschenleben.
Der Pestbazillus wurde erst in den 1890er-Jahren identifiziert, ausgerottet ist die Pest weltweit noch immer nicht.

Das Jahr 1649 wird in der von der Bezirkshauptmannschaft Schärding (Hg., Mein Bezirk Schärding, 2018) als jenes Jahr angegeben, in dem es im entvölkerten Ort Kopfing nach der Pestkatastrophe zu einer Neuansiedlung durch Tiroler gekommen wäre - daher der Name: Klein-Tirol. Es fehlen Belege bzw. Quellenangaben.



 

Zusammengefasst: KLEIN-TIROL?

  1. Die Bezeichnung "Klein-Tirol" für den nach der Pest ausgestorbenen Ort Kopfing ist nicht zu belegen. Seit 1640 werden im Pfarramt Kopfing Sterbe-, Tauf- und Trauungsbücher geführt - und sie geben weder Hinweise auf vermehrte Todesfälle nach der Pest, noch auf eine Tiroler Abstammung Zugewanderter z.B. bei Todesfällen, Trauungen und Taufen. 
  2. Die Bezeichnung "Klein-Tirol" wird gebraucht im Sinne von:
    2.1 Stellvertretend für ganz Tirol zeigt z.B. schon 1863 der neu eröffnete botanische Garten in Innsbruck die vielfältige Pflanzenwelt Tirols im Kleinen - die entsprechende Abteilung wird folgerichtig als "Klein-Tirol" bezeicchnet (Wiener Zeitung, 8.8.1863).
    2.2 Als Bezeichnung des "kleinen Rest-Tirol", das 1919 nach der Abtrennung Südtirols übrig geblieben war und "Klein Tirol" genannt wurde. (Mittheilungen der kaiserlich-königlichen Geographsichen Gesellschaft, 1922)
    2.3 Vergleichend mit dem "vorhandenen" Bild von der Tiroler Bergwelt bezeichnen schon vor 150 Jahren Reisebeschreibungen Kopfing als "Klein-Tirol". Die Landschaftwird mit jener Tirols verglichen: Kopfing ist der Bergwelt Tirols fast ebenbürtig, - aber eben nur "fast": daher "Klein-Tirol".
  3. Zur Analogie mit der bairischen Unterdrückung in Tirol samt "Buamfanga" passt die Rede von einer eigenen "Republik Kopfing" und von "wehrhaften, aufsässigen und auch rauffreudigen Kopfingern" dort, "wo d' Schlägl samt die Stiel wachs'n". 
  4. Manche wollen vom "guten" Namen Tirols profitieren: In Tirol selber bezeichnen sich viele Gasthäuser und Hotels als "Klein Tirol". In Amsterdam und Berlin bin ich vor Jahren in Lokalen namens "Klein Tirol" gesessen. Google lässt uns in ganz Europa Betriebe und Orte mit dieser Bezeichnung finden.
  5. Es gibt keinen Beleg für ein durch (Süd-)Tiroler wieder besiedeltes Kopfing.
    Das heißt nicht, dass es nicht schon vor 1600 Pestzeiten gegeben hätte und Tiroler sich in Kopfing angesiedelt hätten: Es wäre möglich gewesen, denn die Pest hatte schon von 1347 über Venedig Europa in mehreren "Wellen" heimgesucht …