Geschichten und Bilder zum ersten Modernisierungsschub der Landwirtschaft nach dem 2. Weltkrieg in Kopfing.

In den ausgehenden 50er-Jahren zeigten sich erste große Veränderungen in der Landwirtschaft. Das Aussehen der Höfe und auch das Leben auf dem Bauernhof veränderten sich.

Knecht' und Dirn' wurden immer seltener, aus der nicht mehr benötigten Bauernstube wurde das Wohnzimmer und viele Nebengebäude in der Hofstatt und nahe dem Hof verschwanden: Abort samt Jauchegrube und Misthaufen, Brechelstube und Backofen, Troadkasten, Hausschmiede und Stampf, Obstpressen - aus dem Bauern "alter Prägung" ist der spezialisierte und gut ausgebildete Landwirt geworden.


Als Paula Ertl in den beginnenden 60er-Jahren auf den Ertl-Hof in Kimleinsdorf heiratete, beschäftigte sie sich mit der Rolle der Bäuerin.

Als Landwirtschaftslehrerin und durch ihre Abstammung von einem großen Bauernhof war sie mit der Landwirtschaft vertraut und stellte das Leitbild einer Bäuerin (Die Wende, 19. Jahr, 1964) vor.

PAULA ERTL zeichnet das BILD EINER BÄUERIN: So stelle ich mir eine Bäuerin vor. (Wende-Artikel, gekürzt):

Die Bäuerin ist oft die beste Kraft auf dem Hof - aber ihr wesentlicher Auftrag ist: Gattin und Mutter zu sein und dem Mann treu zur Seite zu stehen, auch wenn es schwere Zeiten gibt.

Die Bäuerin braucht ein umfangreiches Wissen: nicht nur in der Hauswirtschaft, beim Kochen, Nähen, der Kranken- und Säuglingspflege, sondern auch im Stall und in der Außenwirtschaft. Dazu muss sie allen Neuerungen gegenüber aufgeschlossen sein (Fachzeitschriften, Vorträge, Kurse).

Die wichtigste Aufgabe der Bäuerin aber bleibt die Erziehung der Kinder. "Wenn das Kinderlachen aufhört und keine Kinderhände sich mehr an den Rockzipfel der Bäuerin klammern, so ist es, als ob die Sonne unterginge. Die Sonne, die die Familie zusammenhält."

Die Bäuerin ist auch Trägerin der Kulturgüter. Damit meine ich nicht das krampfhafte Hängenbleiben am Althergebrachten, sondern: das Brauchtum pflegen und weitergeben, die Familienfeste sinnvoll gestalten und feiern. Dazu braucht sie eine echte religiöse Einstellung, denn von ihr werden Heim und die ihr anvertrauten Menschen geprägt.

Auch die Kleidung einer Bäuerin soll nicht aus Großmutters Mottenkiste stammen, sondern praktisch, geschmackvoll und modern sein... - nur etwas darf sie nicht: den Charakter der Bäuerin verlieren. Das bezieht sich auch auf Frisur und gute Umgangsformen.

Ja, so stelle ich mir eine Bäuerin vor: beratend und helfend an der Seite ihres Mannes, bereit zu Opfern, religiös, aufgeschlossen und vor allem bereit zu Kindern. Eine Frau, die für Sorgen und Anliegen der Familie und der am Hofe lebenden Menschen jederzeit ein offenes Ohr und ein gutes Wort hat. 

Paula Ertl brachte sich in der Standesvertretung der Bäuerinnen intensiv ein: Viele Jahre vertrat sie die Bäuerinnen der Region als Kopfinger Ortsbäuerin sowie als Gerichtsbezirksbäuerin (Engelhartszell) und sorgte für eine entsprechende Fortbildung im ländlichen Raum.

Bildung war ihr auch außerhalb des Hofes ein Anliegen: Unter ihr als Gründungsobfrau des Elternvereines (1975) an der Volks- und Hauptschule Kopfing wurden "moderne" Themen angesprochen: Gesprächsführung, Pubertät, Sexualerziehung, Suchterziehung...

Paula Ertl verstarb 83-jährig am 18. 4. 2007.


Die Zeit, als Paula Ertl Bäuerin auf dem Ertl-Hof in Kimleinsdorf wurde ...

Die Zeit, als Paula Ertl Bäuerin in Kopfing wurde:

Um 1960 wurden mehr als 1.500 Schweine gefüttert, im Jahr gab es um die 700 Hausschlachtungen. Und fast 6.000 Hühner bevölkerten die Bauernhöfe...

Es gab noch viele Vollerwerbshöfe in Kopfing, 1958 standen 126 Pferde und fast 30 Ochsen in den Ställen.

Das sollte sich rasch ändern: Die Anzahl der Traktoren stieg von 27 (1957) auf 145 (1964) - schon 1965 vermerkt die Statistik nur mehr 49 Pferde und 20 Ochsen.

Die FOTOS von links: Moritz Maria (Bartenberg, ca. 1965) beim Pflügen, Josef Ertl (kurz nach Kriegsende) mit zwei Rössern, Heinrich Hainz (1943) mit Ochse Maxl, im Hintergrund der Ertl-Hof (Kimleinsdorf).

Mechanisierung und Technisierung kennzeichnen seit den 50er-Jahren die Landwirtschaft: 1964 führt die Statistik noch keinen einzigen Ladewagen an, 10 Jahre später gab es schon mehr als hundert. Auch die ersten 4 Selbstfahrmähdrescher in der Gemeinde werden 1964 erwähnt. 

In Kopfing war der spätere Bauernbundobmann Josef Ertl (Foto links, 1947) auf dem Heuwender eine treibende Kraft für den Fortschritt der in der Landwirtschaft.

Der spätere Bürgermeister Matthias Ertl (Foto rechts, 1961) auf dem ersten selbstfahrenden Mähdrescher ist auf dem Weg zur Fahrzeugsegnung. Wie viele der ersten teuren landwirtschaftlichen Geräte war auch der Mähdrescher Gemeinschaftseigentum von Matthias und Josef Ertl.

1963 richtete Josef Ertl den Fleckviehzuchtverband auf, 1964 hatten sich schon 13 Kopfinger Bauern angeschlossen. Josef Ertl und Matthias Ertl spezialisierten sich auf die Stierzucht.

Auf dem Foto (1970, links) Josef Ertl mit dem teuersten Stier vom Ertl-Hof: 16 Monate alt, 600 kg schwer - die tägliche Gewichtszunahme betrug mehr als 1 kg. Der Stier brachte bei der Versteigerung rd. 35.000 Schilling - viel Geld in der Zeit der frühen 70er-Jahre.

Der Zeitungsbericht (Foto rechts, 15.8.1979) zeigt den 15 Jahre alten Maxl, den damals schwersten Ochsen des Innviertels (geschätzte 1.300 kg) mit seiner Besitzerin Cilli Huber vom Sepplgut (Edlmann) in Pratztrum.