Ruhland | 11. 1. 2019


Von Häusl'n und Häuslern ...

Kopfing entwickelte sich als Ansiedlung von Häuslern: Binder, Schreiner, Weber, Krämer, Schuster, Zimmermann, Metzger, Wirt und Schneider waren vor Ort. Bei ihnen konnte man am Sonntag nach dem Kirchgang einkaufen und Geschäfte abschließen ...


  • Um 1700 gab es im Pfarrort nur einen Bauernhof, - der Pfarrhof war der größte Bauernhof in der ganzen Pfarre Kopfing. Flurnamen wie Pfarrpfründe, Pfarrerweide und Pfarrerwald erinnern noch daran. 
  • Kopfing war eine Ansiedlung von Häuslern, die um die Pfarrkirche als Handwerker arbeiteten und auf die Stör gingen.
  • Oft lebten sie als "Inwohner" samt ihrer Familie in Höfen und Häusern, wo sie auch über einen eigenen Herd verfügten (d.h. eine abgetrennte Wohneinheit benutzten).  Nicht selten erwarben sie später das Häusl - aus dem Inwohner wurde der "Häusler". 
  • Als Handwerker (wie der Krämer im Haus arbeitend) und Störhandwerker (auf verschiedenen Bauernhöfen der Umgebung arbeitend) konnten sie selten vom ausgeübten Beruf leben; deswegen kauften sie meist Grund zu, um durch eine Kleinlandwirtschaft mit ein paar Ziegen oder Kühen die Selbstversorgung für ihre Familie sicherzustellen.
  • Aus "Kleinhäusler" wurden im 19. Jh. manchmal "Ackerbürger", indem sie durch Zukäufe ihr Grundbesitz vergrößerten: so wurden z.B. aus dem Kirchenwirtshaus und dem unterhalb liegende Mesnergütl sowie gegen 1900 auch aus der Weishäupl-Handlung Gehöfte...

Vgl. zur Ortsentwicklung allgemein: Wolfgang Danninger: Verlust der Mitte ... (2017)  -  Ortsentwicklung am Beispiel Kopfing: Wolfgang Danninger: Der Verlust der Mitte. In: Der Bundschuh (20/2017)


Kopfing vor 1900 - rund um Pfarrkirche mit Friedhof und Pfarrhof (Nr. 1).
Kopfing vor 1900 - rund um Pfarrkirche mit Friedhof und Pfarrhof (Nr. 1).

V.l.n.r.: RAZENBERGER (Nr. 8: Weberhäusl, Schneiderhäusl, Krämerhäusl), SCHMIDBAUER (Nr. 7: Mesnergütl), KASERNE (Nr. 16: Kirchenwirts-Zubau 1896), KIRCHENWIRT (Nr. 6: Taferne, Metzgerei), KULTURHAUS (Nr. 5: Weberhäusl, Krämerhäusl, Schneiderhäusl), Ungerwirt, darunter WEISHÄUPL (Nr. 4: Schreinerhäusl, gegen 1900 Handlung), daneben das kleine Zimmermannhäusl (abgerissen, die Nr. 3 wurde 1928 für Rausch-Villa verwendet); SCHULHAUS (1875 gebaut mit 2 Schulklassen, Lehrerwohnungen und Gemeindekanzlei); unterhalb GRÜNEIS (Nr. 15: Weberjodlhäusl);

Nicht auf dem Foto: Nr. 14 Ganscha (Schusterhäusl in der Pfarrerweide); Nr. 19: Grüblinger (Fischer Hansl); Nr. 2: Koller (Binderhäusl).

Kopfing 1922
Kopfing 1922
Kopfing 1927
Kopfing 1927

Das Ortsbild veränderte sich in den 30 Jahren zwischen 1897 und 1927 nicht. Nach dem Baubeginn zur Kirchenwirts-Kaserne 1896 gab es erst 1926 wieder die erste Bautätigkeit: 1926 wird das Koller Schuster-Haus (am rechten Bildrand) gebaut, 1926-1927 wird die Rausch-Villa (links neben dem Kirchturm) errichtet.

Kopfing 1960 (Bildmitte, links neben Hoher Tanne: damaliges "Schneiderhäusl")
Kopfing 1960 (Bildmitte, links neben Hoher Tanne: damaliges "Schneiderhäusl")

Gewerbe in Kopfing vor 1900 nach Hausnummern

(HAUSNAMEN nach dem alten Grundbuch, angelegt 1790 - 1793)

Nr. 1: PFARRHOF: Landwirtschaft

Nr. 2 WEIRATBINDER, BINDERHÄUSL: Binder 

Nr. 3 ZIMMERMANNHÄUSL: Zimmermann, Schuhmacher (abgerissen - heute: Rausch-Villa)

Nr. 4 SCHREINERHÄUSL: Schreiner, Tischler (erstes Schulhaus)

Nr. 5 KRÄMERHÄUSL MIT ÖLSTAMPF: Weber, LeinweberKrämerÖlschläger, Schneider
Nr. 6 TAFERNE, KIRCHENWIRT: WeberWirt ("Gastgeber"), Fleischhauer
         (Kirchenwirtshaus, später mit Landwirtschaft - Bauernhaus in Rasdorf)

Nr. 7: (PROBST-) MESNERGUT (zweites Schulhaus, später mit Landwirtschaft)

Nr. 8 SCHNEIDERHÄUSL, KRÄMER: Schneider, Krämer (Salzverschleiss, Trafik, Postamt)

Nr. 9 BADERHÄUSL, SCHOPFHÄUSL: BaderApotheker, Wundarzt (erster Gemeindearzt); Hebamme

Nr. 10: WIRT ZU GÖTZENDORF: Wirt (mit Landwirtschaft)

Nr. 11 MAIR IN GÖTZENDORF, MAIRGUT: Gemeindehaus u. Armenhaus (abgerissen)

Nr. 12 HIASL Z' GÖTZENDORF, JOSTN FRANZL: Rechenmacher

Nr. 13: FISCHERGÜTL (Landwirtschaft)

Nr. 14 SCHUSTERGÜTL IN DER PFARRERWEIDE, SCHUSTERHÄUSL: Schuster 

Nr. 15 WEBERJODLHÄUSL, KIRCHJODLHAUS: Weber, Leinweber, Bäcker, Krämer (Postamt)

Nr. 16: (KASERNE) Zubau Kirchenwirt: Schlachthaus; Post; Arztpraxis; Gendarmerie; Kassa

Nr. 17 WEBERHÄUSL (HOFBAUER): Weber, Tierkastrant (tierarztlicher Helfer)

Nr. 18: SCHULHAUS ab 1875

Nr. 19 FISCHER HANSL: Steinhauer

Nr. 20 (WASNER): Schreiner, Tischler 

Nr. 21 SCHUSTERFRANZL: Schuster

Nr. 22 KOLLERSCHNEIDER: Schneider

Nr. 23 SCHUSTERHÄUSL, UNGERWIRT: SchusterWirt, Viktualienhändler


Das Kulturhaus Kopfing | Beispiel für ein Häuslerhaus 

 

Das Häuslerhaus Kopfing Nr. 5 lässt als Kulturhaus die Geschichte der Häusler überhaupt lebendig werden.

Die HAUSNAMEN zeigen, wer auf dem Haus war:

Das heutige Kulturhaus Kopfing entstand als Weberhäusl, wurde zu einem Krämerhäusl und schließlich zum Schneiderhäusl. 

Es war vom Anfang um 1680 an immer von Häuslern bewohnt - ob Weber, Krämer oder Schneider: Kopfing Nr. 5 war immer ein Häuslerhaus.

Foto-Collage: Josef Ruhland
Foto-Collage: Josef Ruhland

Bevor jemand durch den Erwerb eines Häusls zum Häusler geworden war, wohnte er oft als

INWOHNER

bei einem Bauern oder Häusler. Ein Inwohner war nicht wie die Knechte oder eine Dirn in einer Kammer untergebracht, sondern er besaß eine kleine Wohnung: Das Kennzeichen war ein Herd, der von ihm (bzw. seiner Familie) genutzt wurde und ihn unabhängig etwa von gemeinsamen Essenzeiten im Haushalt des Hausbesitzers machte.

BEISPIEL 1: Alois Kroiss - vom Inwohner zum Hausbesitzer

Der aus der Pfarre St. Roman stammende Schneidermeister Alois Kroiss war schon zumindest seit seiner Eheschließung 1881 Inwohner im Krämerhäusl Nr. 5, welches er dann 1894 der Besitzerin und Krämerin Theresia Probst abkaufte.

Da er noch einen von Maria Theresia ausgestellten Handelsschein besaß, führte dann seine Frau Anna (geb. Scheuringer) die Krämerei im heutigen Kulturhaus als letzte Krämerin bis in die Jahre des ersten Weltkrieges fort.

BEISPIEL 2: Franz Dallinger - Hausbau als Inwohner

Der Tischlergeselle Franz Dallinger wohnte in den beginnenden 1920er-Jahren bis 1927 als Inwohner im inzwischen zum Schneiderhäusl gewordenen Haus Nr. 5 des Schneidermeisters Johann Danninger, er hatte die Tochter Aloisia des Alois Kroiss geheiratet.

Franz Dallinger kaufte 1925 von Johann Danninger den gegenüber bzw. oberhalb des Schneiderhäusls gelegenen "ledigen Grund", um darauf selber ein Haus zu bauern, - es sollte übrigens nicht sein einziger Hausbau bleiben.

Das 1928 fertiggestellte Haus wurde 1933 an Richard und Helene Rausch verkauft, die schon Jahre in Kopfing ihre Sommerfrische "im Licht" verbracht und ab 1941 den Hauptwohnsitz von Wien nach Kopfing verlegt hatten. Für die Kopfinger wurde das Haus Nr. 3 fortan zur "Rausch-Villa".